Der erste Halt des Tages ist für Tamara Ueber nicht die Rampe eines Kunden, sondern die Tagesschule. Seit sie Mutter ist, macht die Strassentransportfachfrau täglich den Spagat zwischen Familienalltag und Fahrerkabine. Warum sie ihre Leidenschaft lebt, manchmal ein schlechtes Gewissen hat und heute selbst junge Frauen für den Beruf begeistert, erzählt sie zum Auftakt der neuen STR-Serie «Frauen auf Achse».
Seit 15 Jahren arbeitet Tamara als Strassentransportfachfrau. Doch seit ihre neunjährige Tochter auf der Welt ist, hat sich ihr Berufsalltag verändert. Übernachtungen gehören der Vergangenheit an, die Touren sind kürzer geworden und jeder Arbeitstag muss mit dem Familienleben abgestimmt werden. Trotzdem kam es für sie nie infrage, den Beruf aufzugeben oder nur noch ins Büro zu wechseln. Auch nicht, um ihren Partner, der selbst als Lastwagenchauffeur unterwegs ist, besser zu ergänzen. Aber klar, das mache die Sache nicht unbedingt einfacher, wenn mal was ist.
Ohne Backup Plan geht’s nicht
Tamara arbeitet drei Tage pro Woche auf dem Lastwagen. Eine Kollegin übernimmt die übrigen zwei Tage, an denen Tamara zu Hause ist. Jobsharing. Dieses Modell ermöglicht es ihr, ihrer Leidenschaft nachzugehen und gleichzeitig für ihre Familie da zu sein. Dennoch bleibt jeder Arbeitstag eine organisatorische Herausforderung. Das wird vor allem dann sichtbar, wenn Unvorhergesehenes passiert. Etwa, wenn die Tochter krank wird oder Tamara auf dem Weg nach Hause noch im Stau steht. Das bringt jeweils den Zeitplan komplett durcheinander. Denn irgendwann schliesst auch die Tagesschule. In solchen Situationen ist sie auf die Hilfe ihrer Verwandtschaft angewiesen. «Es hat auch schon öfter gegeben, dass ich meine Mutter oder meine Schwester anrufen musste, damit sie meine Tochter abholen.» Da beide selbst gut beschäftigt seien, falle ihr das jeweils nicht einfach. Wenn die Tochter angeschlagen ist und lieber nicht zur Schule möchte oder abends sagt:
«Du kommst immer so spät nach Hause, Mami»
habe sie manchmal schon ein schlechtes Gewissen, sagt sie dem STR offen. Gleichzeitig weiss sie, dass sie auch glücklich sein darf. Denn wenn sie das, was sie gerne macht, auch tun kann, profitiert letztlich die ganze Familie davon.
Tamara ist überzeugt, dass sich mehr Frauen für den Beruf entscheiden würden, wenn sich Familie und Arbeit einfacher miteinander vereinbaren liessen. Viele Frauen, sagt sie, würden gerne Lastwagen fahren. Doch passende Teilzeitmodelle seien nach wie vor selten. Gerade kleinere Transportunternehmen könnten Jobsharing oder flexible Arbeitszeiten oft nur schwer umsetzen. Hinzu kommen die Kosten für die Kinderbetreuung. Diese würden für viele Familien eine zusätzliche Herausforderung darstellen. Da wäre etwas Hilfe vom Staat vielleicht eine Lösung.
Vorbild für die nächste Generation
Seit drei Jahren engagiert sich Tamara zudem als Berufsbildnerin. Aktuell begleitet sie eine Lernende im dritten Lehrjahr. Es ist die erste Frau, die sie ausbildet. Das bereitet ihr besonders Freude. Man spürt, wie Tamara aufgeht, als sie von ihrer Auszubildenden erzählt. «Sie erinnert mich ein bisschen an mich selber», erklärt sie dem STR auf die Frage, was genau ihr denn Freude bereite beziehungsweise den Unterschied zu den jungen Männern ausmache. Die Achtzehnjährige sei ausserordentlich motiviert, wissbegierig und habe inzwischen bereits die Lastwagenprüfung bestanden. Für Tamara ist das weit mehr als ein persönlicher Erfolg. «Es ist ein Zeichen dafür, dass sich die Branche verändert.» Dennoch müsse man sich als Frau den Platz in der Branche immer noch verdienen.
«Wenn bei einem Mann 100 % reichen, musst du als Frau immer noch 20 Prozent drauflegen.»
Trotzdem beobachtet sie nun mit Freude, wie selbstverständlich die junge Frau ihren Weg geht und sich den Respekt ihrer Kollegen selbst erarbeitet.
Ein Beruf mit Leidenschaft
Auf die Frage, ob sie sich trotz der erschwerten Vereinbarkeit von Familie und Arbeit nochmals für diesen Beruf entscheiden würde, muss Tamara nicht lange überlegen. «Sofort.» Sie schätzt die Verantwortung, die Vielseitigkeit und die Freiheit, die ihr dieser Beruf bietet. Jeder Tag sei anders, jede Tour bringe neue Begegnungen mit sich und manchmal führe sie ihre Arbeit an Orte, an denen andere Ferien machen. Deshalb möchte sie auch vielen weiteren Frauen Mut machen.
«Wenn eine Frau diesen Traum hat, dann soll sie ihn unbedingt weiterverfolgen.»
Egal ob mit oder ohne Familie. Es gäbe immer einen Weg.Für Tamara steht fest, dass es Verständnis, Unterstützung und flexible Lösungen braucht. Dann lässt sich der Traum vom Lastwagenfahren auch nach dem Mamiwerden weiterverfolgen. Dass sie sich nicht nur täglich hinter das Steuer setzt, sondern sich auch als Berufsbildnerin und Vorstandsmitglied der ASTAG Sektion Schaffhausen für den Beruf engagiert, zeigt eines: Die Transportbranche ist für sie weit mehr als ein Arbeitsplatz.
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