Dem ADHS zum Trotz

16. Februar 2026

STR begleitet Alessio Mutti, Chauffeur bei der Paul Leimgruber AG und Geschäftsführer bei AMS Transporte GmbH auf einer Tour und erfährt von ihm, was es heisst, als Chauffeur mit ADHS unterwegs zu sein. Er erzählt, wie er vom fast abgeschriebenen Jugendlichen zum selbstbewussten Geschäftsführer wurde.

Frühmorgens steht der Lastwagen der Paul Leimgruber AG pünktlich am Bahnhof Egerkingen bereit. Am Steuer sitzt Alessio Mutti, ein sympathischer und aufgeweckter junger Mann, der STR für einen Tag in seinem Arbeitsalltag mitnimmt. Alessio hat keine Anzeichen von Müdigkeit – und das, obwohl er bereits um 4.30 Uhr aufgestanden ist, um den Lastwagen mit Stückgut zu beladen. «Dank meines ADHS brauche ich deutlich weniger Schlaf als andere Menschen», erklärt er mit einem Grinsen.

Damit ist er bereits mitten im Thema angekommen. Äusserlich merkt man Alessio seine Diagnose kaum an, doch ADHS begleitet ihn seit seiner 0indheit. Die Störung beeinflusst bei Betroffenen unter anderem Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und ist bei jedem Menschen anders ausgeprägt. Schon früh wurde bei ihm ein schwerer Fall einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert. Lange Zeit war unklar, wie sein beruflicher Weg aussehen könnte. Nach der Lehre folgten Abklärungen und Gespräche, die ihm deutlich machten, dass Unterstützungsangebote wie jene der Invalidenversicherung für viele Menschen wichtig sind, für ihn persönlich jedoch nicht der richtige Weg waren. Alessio wollte arbeiten, Verantwortung übernehmen und Teil der regulären Arbeitswelt sein.

Lernen statt Vergnügen

So begann er, nach Feierabend zu lernen und sich weiterzubilden. Mit viel Fleiss, Disziplin und der Unterstützung seines Umfelds gelang ihm Schritt für Schritt der Einstieg ins Berufsleben. Zunächst arbeitete er als Kurier, danach im Post-Logistikzentrum in Dintikon. Es folgten Stationen bei der Planzer AG und der Schöni Transport AG. Dort erkannte man sein Potenzial: Nach rund einem Jahr wurde er gefragt, ob er als selbstständiger Fahrer tätig sein wolle: Und plötzlich sass er am Steuer eines 24-Tonners.

Vor vier Jahren begann Alessio bei der Paul Leimgruber AG. Vor einem Jahr bestand er nach einigen Startschwierigkeiten die theoretische und praktische Lastwagenprüfung und danach alle notwendigen CZV-Prüfungen, trotz ausgeprägter Prüfungsangst.

«Für viele mag das keine grosse Sache sein. Für mich war es der entscheidende Schritt - der Beweis, dass es geht.»

Heute transportiert Alessio Stückgut an Kundinnen und Kunden in der Region. Auf seinen Touren ist alles dabei: Lebensmittel, Baumaterialien, Lieferungen für Privatkunden, meist im Raum rund um das Seeland und das Solothurner Mittelland. So führt ihn seine heutige Route unter anderem von Pratteln nach Lyss, weiter nach Brügg, Nidau, Biel, Pieterlen, Grenchen, Bettlach und Zuchwil – 16 Kunden, vier Abholungen an einem Tag.

Bei seinen Touren tritt der junge Mann immer wieder in Kontakt mit den Logistikerinnen und Logistikern, stets mit einem Lächeln und seiner freundlichen und angenehmen Art. Die Kunden, von denen er die meisten schon seit längerer Zeit beliefert, schätzen ihn für den offenen und professionellen Umgang.

Die Arbeit als Stückguttransporter verlangt viel Konzentration und bringt Verantwortung mit sich. Gerade mit ADHS ist das eine Herausforderung, derer sich viele Menschen nicht bewusst sind. «Die meisten Leute denken, man fährt einfach ein bisschen herum», sagt er.

«Man muss ständig präsent sein und alle Sinne beieinanderhaben.»

Am Lastwagenfahren selbst fasziniert ihn das Geräusch des Motors, die Grösse des Fahrzeugs, das Unterwegssein. Ursprünglich wollte Alessio gar nicht Chauffeur werden. Doch je länger er fuhr, desto klarer wurde ihm, dass er hier seine Leidenschaft gefunden hat.

So eigenständig Alessio heute unterwegs ist – seinen Weg musste er nie allein gehen. Sein Vater Sergio Mutti stand ihm stets zur Seite und ist für Alessio nach wie vor eine grosse Stütze. Gemeinsam bauten sie Perspektiven auf und stärkten das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Heute ist Alessio nicht nur als Chauffeur tätig, sondern auch unternehmerisch engagiert und Teil der Geschäftsleitung seines eigenen kleinen Unternehmens, der AMS Transporte GmbH in Niederbipp, die er vor 6 Jahren, also im Alter von gerade mal 22 Jahren, gemeinsam mit seinem Vater gegründet hat. Sein Vater bestärkte ihn von Anfang an darin, sich nicht von Zweifeln aufhalten zu lassen und die Freude am Weiterkommen im Leben nicht zu verlieren.

«Mein Vater hat immer gesagt, ich schaffe das.»

Die Sache mit der Konzentration

ADHS bedeutet für Alessio vor allem eines: Im Kopf ist ständig Bewegung. Gedanken schalten nie ganz ab. Ruhe entsteht bei ihm vor allem durch Struktur – und durch ausreichend Abwechslung, die ihn mental beschäftigt. Medikamente halfen ihm zeitweise, brachten jedoch auch Nebenwirkungen mit sich, weshalb er sie schliesslich absetzte. Heute weiss er, was er braucht: klare Abläufe, Verantwortung und einen Arbeitsalltag, der nie ganz gleich ist. «Jeder Tag ist anders, jede Tour bringt etwas Neues. Genau das brauche und liebe ich.»

Was im Kopf oft turbulent wirkt, zeigt sich nach aussen in einem ausgeprägten Sinn für Ordnung. Alles hat seinen Platz, Abläufe sind klar. Die Struktur im Alltag, die Fahrpläne und die klaren Aufgaben helfen ihm enorm bei der Bewältigung seines Alltags, sie sind es, was ihn so effizient und schnell arbeiten lässt.

Auch religiöse Symbole begleiten ihn auf seinen Fahrten, als persönliche Zeichen seines Glaubens und als Schutz vor Unfällen. Einen solchen hat er glücklicherweise noch nie erlebt, aber es gab schon Situationen, in denen er in Konflikte geriet.

«Manche Verkehrsteilnehmende reagieren sofort ungeduldig oder aggressiv, dabei sind wir alle Teil desselben Systems.»

Für Alessio ist klar: Der Strassentransport ist unentbehrlich. «Was im Laden steht, kommt irgendwoher. Selbst wenn Waren mit der Bahn transportiert werden, am Ende braucht es Chauffeurinnen und Chauffeure.» Deshalb wünscht er sich mehr Verständnis und Rücksichtnahme, wenn er mit dem Lastwagen kurzfristig gewisse Verkehrsabschnitte blockiert.

Mit klarem Blick in die Zukunft

Was für Alessio als eine turbulente und unsichere Zeit begann, kristallisierte sich im Laufe der Zeit zu einem immer klareren Bild für seine persönliche und berufliche Zukunft. Für die kommenden Jahre hat er klare Ziele: Er will sich weiterhin für die Paul Leimgruber AG engagieren, gleichzeitig möchte er sein eigenes Unternehmen weiterentwickeln. In naher Zukunft wird er ausserdem einen weiteren Lastwagen anschaffen. Menschen mit ADHS rät er, auf sich selbst zu vertrauen und ihren eigenen Weg zu gehen. «Wenn man sich nicht von Zweifeln und Ängsten abhalten lässt, endet man immer einen Weg ans Ziel.»

Nach einem ereignisreichen und persönlichem Tag endet die Tour schlussendlich in Olten und STR verabschiedet sich von Alessio. Seine Geschichte steht stellvertretend dafür, dass man sich mit Ausdauer, Disziplin und Unterstützung seinen Platz in der Arbeitswelt erarbeiten kann, auch wenn die Voraussetzungen alles andere als günstig sind. Es ist keine Geschichte gegen das System, sondern eine für den eigenen Weg. Und eine, die zeigt, wie viel möglich ist, wenn man an sich glaubt – dem ADHS zum Trotz.